In Science veröffentlichte Studie belegt, dass Tiere schnell auf menschliche Verhaltensänderungen reagieren

Das Verhalten der Menschen weltweit hat sich während der Lockdowns in den ersten Monaten des Jahres 2020 in Folge der COVID-19-Pandemie dramatisch verändert, was zu Verhaltensänderungen bei Landsäugetieren führte. Dies geht aus einer am 8. Juni 2023 in der Fachzeitschrift Science (DOI: 10.1126/science.abo6499) veröffentlichten Studie eines großen internationalen Forscherteams unter Leitung von Prof. Marlee Tucker, Ökologin an der Radboud-Universität Nijmegen (Niederlande), hervor, an der mit Prof. Justin Calabrese auch ein Wissenschaftler des Center for Advanced Systems Understanding (CASUS) am Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) beteiligt war. Wild lebende Säugetiere legten während der strengen Lockdowns im Schnitt bis zu 73 Prozent längere Strecken zurück und hielten sich 36 Prozent näher an Straßen auf.

Marlee Tucker und weitere 174 Fachleute analysierten globale Daten von Landsäugetieren, die mit GPS-Geräten verfolgt wurden. „Es gab viele Medienberichte, dass sich die Natur während dieser ersten Lockdowns erholte. Zum Beispiel streiften Pumas durch die Straßen von Santiago de Chile, aber wir wollten wissen: Gibt es dafür wissenschaftliche Beweise? Oder waren die Menschen einfach aufmerksamer, während sie zu Hause waren?“, fragt Erstautorin Tucker. Co-Autor Justin Calabrese forscht seit 2020 am HZDR-Institut CASUS an der Schnittstelle von Ökologie und Datenwissenschaften und erklärt: „Es gibt nur sehr selten eine Gelegenheit, in Form eines natürlichen Experiments auf globaler Ebene anhand von so vielen Säugetierarten nachzuvollziehen, wie Tiere ihr Bewegungsmuster in Reaktion auf eine Verhaltensänderung des Menschen anpassen.“ Dies sei eine einmalige Gelegenheit gewesen, weil die Welt während der ersten Phase der Pandemie quasi stillstand. Dank des globalen Wissenschaftsnetzwerks sei es möglich gewesen, die Reaktionen der Tierwelt weltweit beobachten und auswerten zu können.

Bewegungen von Säugetieren

Das Forschungsteam sammelte Daten zu den Bewegungsmustern von 43 Arten von auf dem Land lebenden Säugetieren aus der ganzen Welt. Insgesamt wurden mehr als 2.300 Individuen erfasst: von Elefanten und Giraffen bis hin zu Bären und Hirschen. Die Forscher verglichen den Aktionsradius der Säugetiere während des ersten Zeitraums des Lockdowns von Januar bis Mitte Mai 2020 mit dem in denselben Monaten des Vorjahrs. „Wir konnten feststellen, dass die besenderten Tiere während der strengen Lockdowns in einem Zeitraum von zehn Tagen bis zu 73 Prozent längere Strecken zurücklegten als im Jahr zuvor, als es noch keine Beschränkungen gab. Wir haben auch festgestellt, dass sich die Tiere im Durchschnitt 36 Prozent näher an den Straßen aufhielten als im Jahr zuvor. Das liegt wahrscheinlich daran, dass es während der strengen Lockdowns weniger Straßenverkehr gab“, sagt Tucker.

Für diese Ergebnisse gibt es mehrere Erklärungen: Während der strengen Lockdowns hielten sich weniger Menschen im Freien auf, was den Tieren die Möglichkeit gab, neue Gebiete zu erkunden. „Im Gegensatz dazu haben wir in Gebieten mit weniger strengen Lockdowns beobachtet, dass die Tiere kürzere Strecken zurücklegten. Dies könnte damit zusammenhängen, dass die Menschen während der Lockdowns ermutigt wurden, in die Natur zu gehen. Infolgedessen waren einige Naturgebiete stärker frequentiert als vor der COVID-19-Panademie“, sagt Prof. Thomas Müller vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum und der Goethe-Universität Frankfurt, der die Studie zusammen mit Tucker konzipiert hat.

Einzigartige Gelegenheit

Die „Anthropause“ bot eine einzigartige Gelegenheit, die Auswirkungen einer abrupten Veränderung der menschlichen Präsenz auf die Tierwelt zu untersuchen. „Uns ist es gelungen, evidenzbasiert zu belegen, dass weltweit Säugetierarten ihr Verhalten während der Pandemie verändert haben“, sagt Calabrese. Und Ökologin Tucker ergänzt: „Das lässt für die Zukunft hoffen, denn dies bedeutet im Prinzip, dass die Tiere direkt auf Veränderungen des menschlichen Verhaltens reagieren können.“

Publikation

Marlee A. Tucker, […] Justin Calabrese et al.: Behavioral responses of terrestrial mammals to COVID-19 lockdowns, Science (2023), DOI: 10.1126/science.abo6499


Über das Center for Advanced Systems Understanding

Das CASUS wurde 2019 in Görlitz gegründet und betreibt digitale interdisziplinäre Systemforschung in unterschiedlichen Bereichen wie Erdsystemforschung, Systembiologie und Materialforschung. Innovative Forschungsmethoden aus Mathematik, theoretischer Systemforschung, Simulation, Daten- und Computerwissenschaft werden mit dem Ziel eingesetzt, komplexe Systeme von bisher nie dagewesener Realitätstreue abzubilden und so zur Lösung drängender gesellschaftlicher Fragen beizutragen. Gründungspartner sind das Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR), das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig (UFZ), das Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden (MPI-CBG), die Technische Universität Dresden (TUD) und die Universität Wrocław (UWr). Das Zentrum wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) sowie des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Kultur und Tourismus (SMWK) gefördert und wird als ein Institut des HZDR geführt.