Fachgesellschaft APS zeichnet CASUS-Wissenschaftler Tobias Dornheim für seine Forschung in der Plasmaphysik aus

Es war eine Frage, die die Physik seit Jahrzehnten beschäftigte: Wie verhalten sich miteinander wechselwirkende Elektronen unter extremen Bedingungen wie massiven Drücken und außerordentlicher Hitze? Zwischen 2015 und 2017 erarbeiteten Wissenschaftler aus Deutschland, den USA und Großbritannien schließlich eine zufriedenstellende Lösung dieser Wissenslücke in der Quantenmechanik. Für diese Leistung erhalten die beteiligten Forscher, darunter Dr. Tobias Dornheim vom Center for Advanced Systems Understanding (CASUS) am Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR), nun den John-Dawson-Preis für Exzellenz in der Plasmaphysikforschung 2021 der Amerikanischen Physikalischen Gesellschaft (APS). Die Preisverleihung soll beim jährlichen Treffen der APS-Abteilung für Plasmaphysik im November 2021 erfolgen.

Die vorgelegte Lösung des sogenannten Fermionischen Vorzeichenproblems ist eigentlich eher eine galante Umgehung des Problems. „Wir haben verschiedene, sich ergänzende Simulationsverfahren entwickelt und clever kombiniert“, erklärt Dornheim. „Die einzelnen Methoden erlauben in jeweils unterschiedlichen Parameter-Bereichen die verhältnismäßig schnelle und unkomplizierte Berechnung der thermodynamischen Eigenschaften der wechselwirkenden Elektronen in warmer dichter Materie. In der Gesamtbetrachtung waren dann unsere Vorhersagen für das Verhalten der Elektronen für alle relevanten Bedingungen so exakt wie nie zuvor.“

Warme dichte Materie bezeichnet einen exotischen Materiezustand bei extremem Druck und moderaten bis hohen Temperaturen, wie er etwa im Inneren von Sternen und Planeten oder auch beim Beschuss von Festkörpern mit Hochintensitätslasern vorkommt. Neben Dornheim erhalten Prof. William Matthew Colwyn Foulkes vom Imperial College London, Travis Sjostrom (PhD) vom US-amerikanischen Los Alamos National Laboratory, Fionn Malone (PhD) von der Software-Firma QC Ware Corp., Dr. Tim Schoof vom Deutschen Elektronen Synchotron (DESY) in Hamburg, Dr. Simon Groth von McKinsey & Company sowie Prof. Michael Bonitz von der Universität Kiel die mit insgesamt 5.000 US-Dollar dotierte Ehrung der Physik-Fachgesellschaft.

Auf mikroskopischer Ebene unterliegt das Verhalten von Elektronen den Gesetzen der Quantenmechanik, was das Lösen komplexer mathematischer Gleichungen erfordert. Ein wichtiges Modell zur Beschreibung der Elektroneneigenschaften ist das sogenannte homogene Elektronengas. Dieses Modell ist unter anderem wichtig, um Phänomene wie die Supraleitung, also eine elektrische Leitung ohne Widerstand, oder Leitungselektronen in Festkörpern zu verstehen. Außerdem bildet es die Grundlage für die sogenannte Dichtefunktionaltheorie (DFT) zur Beschreibung eines Vielelektronensystems. Die DFT gilt als eine der derzeit wichtigsten Simulationsmethoden in Physik und Chemie. In der Industrie wird sie zur Berechnung von Materialeigenschaften eingesetzt.

Von tiefen zu hohen Temperaturen

Genaue Simulationen des Elektronengases waren vor den Veröffentlichungen der ausgezeichneten Wissenschaftler auf Elektronen im Bereich tiefer Temperaturen beschränkt. Bei warmer dichter Materie – zehntausendmal wärmer als Raumtemperatur und bis zu hundertmal dichter als gewöhnliche Festkörper – konnte nur mit groben und zum Teil schwer nachprüfbaren Näherungen gearbeitet werden. Mit den exakten Simulationen der Preisträger endete die Zeit dieser Verlegenheitslösungen und die Forschung konnte sich seither rasant weiterentwickeln.

Die neuen Simulationsverfahren gehören zur Gruppe der Quanten-Monte-Carlo (QMC)-Methoden. Tobias Dornheim hat die QMC-Methode PB-PIMC (engl. permutation blocking path integral Monte Carlo) entwickelt, mit der Energien über einen sehr großen Parameter-Bereich berechnet werden können. Parallel dazu haben Simon Groth und Tim Schoof unter Gruppenleiter Michael Bonitz die zweite QMC-Methode, engl. configuration path integral Monte Carlo (CPIMC), für einen komplementären Parameter-Bereich ausgearbeitet.

Fionn Malone und William Matthew Colwyn Foulkes steuerten eine dritte QMC-Methode bei, die der CPIMC-Methode ähnelt. Dornheim und Groth waren es dann, die die vorliegenden Methoden so kombinierten, dass sie nicht nur für eine endliche Zahl von Parametern genutzt werden können, sondern auch bei unendlichen Systemgrößen („finite-size correction“). Einen wichtigen Beitrag hierzu lieferte Travis Sjostrom. Schließlich gelang es der Gruppe um Dornheim und Groth, für die Dichtefunktionaltheorie das passende Austausch-Korrelations-Funktional zu finden, das mittlerweile in der entsprechenden Standardbibliothek libxc implementiert ist und von der Forschung weltweit rege genutzt wird.

Als Postdoc am CASUS hat Dornheim in den vergangenen Jahren durch kreative Ansätze zu einem besseren Verständnis der warmen dichten Materie beigetragen. Beispielsweise entwickelte der Physiker neue Zugänge zum dynamischen Strukturfaktor und der linearen sowie nichtlinearen Dichteantwort des Elektronengases. Außerdem lässt sich mit einem neuen, von Dornheim mitentwickelten Algorithmus die sogenannte Lokalfeldkorrektur sehr genau berechnen, was bei Experimenten mit Röntgenstrahlung die Modellierung und Interpretation der Ergebnisse entscheidend verbessert. Ganz im Sinne der CASUS-Mission, die Möglichkeiten der Digitalisierung für die Wissenschaft zu erschließen, kann das von Dornheim und seinen Kollegen trainierte neuronale Netzwerk die Lokalfeldkorrektur auf einem einfachen Laptop berechnen. Zuvor musste dafür ein Hochleistungscomputer bemüht werden.

Während der Tagung der APS-Abteilung Plasmaphysik präsentiert Tobias Dornheim im November seine aktuellen Forschungsergebnisse. Die Veranstaltung setzt aufgrund der SARS-CoV-2-Pandemie bei einigen Programmpunkten auf virtuelle Formate. So kann das Treffen komplett online verfolgt werden. Die Beiträge von Vortragenden, die nicht persönlich anreisen, werden vorab aufgenommen und zur Tagung gestreamt. Alle Beiträge können später über die Webseite abgerufen werden (nur mit vorheriger Konferenz-Registrierung).

63. Jährliches Treffen der APS-Abteilung Plasmaphysik
8.-12. November 2021, Pittsburgh, Pennsylvania (USA)
Die genaue Uhrzeit von Dornheims Vortrag „Effective Static Approximation: A Fast and Reliable Tool for Warm-Dense Matter Theory“ wird noch bekanntgegeben.

Preisankündigung der APS


Center for Advanced Systems Understanding

Das CASUS wurde 2019 in Görlitz gegründet und betreibt digitale interdisziplinäre Systemforschung in unterschiedlichen Bereichen wie Erdsystemforschung, Systembiologie und Materialforschung. Innovative Forschungsmethoden aus Mathematik, theoretischer Systemforschung, Simulation, Daten- und Computerwissenschaft werden eingesetzt mit dem Ziel, komplexe Systeme von bisher nie dagewesener Realitätstreue abzubilden und so zur Lösung drängender gesellschaftlicher Fragen beizutragen. Kooperationspartner sind das Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR), das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig (UFZ), das Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden (MPI-CBG), die Technische Universität Dresden (TUD) und die Universität Wrocław. Das Zentrum wird aus Mitteln des Bundeministeriums für Bildung und Forschung und des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Kultur und Tourismus gefördert. www.casus.science

Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf

Das Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) forscht auf den Gebieten Energie, Gesundheit und Materie. Folgende Fragestellungen stehen hierbei im Fokus:
• Wie nutzt man Energie und Ressourcen effizient, sicher und nachhaltig?
• Wie können Krebserkrankungen besser visualisiert, charakterisiert und wirksam behandelt werden?
• Wie verhalten sich Materie und Materialien unter dem Einfluss hoher Felder und in kleinsten Dimensionen?
Das HZDR entwickelt und betreibt große Infrastrukturen, die auch von externen Messgästen genutzt werden: Ionenstrahlzentrum, Hochfeld-Magnetlabor Dresden und ELBE-Zentrum für Hochleistungs-Strahlenquellen. Es ist Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft, hat sechs Standorte (Dresden, Freiberg, Grenoble, Leipzig, Schenefeld bei Hamburg) und beschäftigt knapp 1.400 Mitarbeiter – davon etwa 500 Wissenschaftler*innen inklusive 170 Doktorand*innen. www.hzdr.de